solidAHRität 19.08.2021, 09:00 Uhr

Österreichs Winzer spenden für überflutete Kollegen an der Ahr

Die E-Commerce-Spenden-Aktion #solidAHRität für die vom Hochwasser betroffenen Winzer an der Ahr entwickelte sich zu einem überwältigenden Erfolg. Innerhalb von nur zwei Tagen sind mehr als 10.000 Weinpaket-Bestellungen im Online Shop eingegangen.
Der burgenländische Winzer Bernhard Ernst koordiniert den Versand der #solidAHRitäẗ-Spendenkisten von seinem Weingut in Deutschkreutz für ganz Österreich.
(Quelle: Winzerhof Ernst)
Als der deutsche Winzer Dirk Würtz zum Telefon griff, um seinen österreichischen Kollegen und Freund Bernhard Ernst um Hilfe zu bitten, hatte er ein Problem: viel guten Wein. Fast zu viel Wein. Ernst, selbst Winzer, sollte ihm helfen, den Wein in Österreich zu verkaufen. Denn das Ganze diente einem guten Zweck: der Hilfsaktion #solidAHRität
Hinter solidAHRität verbirgt sich eine Spendenaktion von Winzern, Weinhändlern und Weinfreunden für die von der Flutkatastrophe betroffenen Winzer an der Ahr. Die spontane Idee von Würtz hatte sich binnen weniger Tage zu einer enormen Welle der Solidarität entwickelt, mit deren Ausmaß niemand rechnen konnte. Auch zahlreiche Winzer, Weinbaubetriebe und andere Unternehmen aus Österreich beteiligen sich an der Aktion. Winzer Bernhard Ernst aus Deutschkreutz übernahm schließlich die Koordination der Hilfsaktion in Österreich. Die Idee von Würtz, auch Mitbegründer der Facebook-Gruppe Hauptsache Wein – mit knapp 20.000 Mitgliedern die größte unabhängige Wein-Community in Europa, ist ebenso einfach wie erfolgreich: Er bat nicht nur befreunde Winzer um Hilfe für die Kollegen an der Ahr, sondern rief auch die Mitglieder von Hauptsache Wein auf, eine oder mehrere Flaschen Wein zu spenden. Diese sollten dann, nach dem Zufallsprinzip zu Sechser-Paketen zusammengestellt, für 65 Euro verkauft werden. Der gesamte Erlös aus dieser Aktion kommt über ein Hilfskonto des Verbandes deutscher Prädikatswinzer (VDP) den Flutopfern unter den Ahr-Winzern und - Winzerinnen zu gute.

Online-Shop lahmgelegt 

Binnen 48 Stunden waren über den Online-Shop mehr als 10.000 Bestellungen für Weinpakete eingegangen. Flaschen kamen zu Hunderten und Paletten-weise von deutschen Winzern. Auch viele Winzer aus Österreich und Südtirol unterstützen die Aktion mit großzügigen Spenden. Sogar aus Südafrika und Korea kam Spenden-Wein. Und wenn jetzt ein Weinfreund eine Flasche Gin oder etwas anderes Hochprozentiges in seinem 6er-Weinpaket entdeckt, darf das nicht überraschen, denn auch zahlreiche Spirituosen-Produzenten spendeten für die solidAHRitäts-Pakete. In Summe werden es wohl an die 40.000 sein. Das sind 240.000 Flaschen. Den genauen Überblick hat derzeit niemand. 
Die Folge des ungeahnten Erfolgs: Der Online-Shop musste für mehrere Tage geschlossen werden. Das Weingut St. Antony in Nierstein (Rheinhessen), seine MitarbeiterInnen sowie Lager- und Logistikkapazitäten gerieten an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Da rief Würtz unter anderem seinen österreichischen Freund Ernst zu Hilfe. Denn auch in Österreich rollte die Hilfswelle. 

Hilfe aus Österreich 

„Kaum hatte ich angekündigt, die solidAHRitäts-Aktion in Österreich zu koordinieren, standen 20 Winzer auf meinem Hof und haben Wein abgeliefert“, verrät Bernhard Ernst. Allein in Deutschkreutz stellte jeder Winzer spontan 60 Flaschen zur Verfügung. Aus allen Weinbauregionen des Landes kündigten Weinbauern ihre Lieferungen an, um den Kollegen an der Ahr zu helfen. Das Spektrum reicht von Familienbetrieben wie Nittnaus, Jurtschitsch, Gesellmann über Großproduzenten wie das Weingut Esterhazy und die Domäne Wachau bis hin zu Zusammenschlüssen und Gebietsvertretungen wie Pannobile, Leithaberg und Eisenberg.
Viele österreichische Weinbaubetrieb haben nicht nur Wein gespendet, sondern quasi im Gegenzug auch selbst Wein-Hilfspakete bestellt. Die Spendenbereitschaft der Winzer in Österreich war so groß, dass Helfer Ernst schließlich selbst um Hilfe bitten musste. Kollege und Freund Artur Toifl vom Weingut Thiery-Weber in Rohrendorf bei Krems sprang ein und übernahm die Koordination eines Großteils der Weinspenden aus Niederösterreich. Hilfe kommt auch von ganz anderer Seite: In der zweiten August-Woche transportiert das Speditions-Unternehmen Schneckenreither aus Ansfelden bei Linz zum Selbstkostenpreis mehr als 1.000 Sechser-Pakete vom deutschen Spendenlager bei Mainz nach Österreich, damit die Pakte vom Winzerhof Ernst im Blaufränkischland an die Weinfreunde in ganz Österreich ausgeliefert werden können.
„Wir haben unser Lager aus- und aufgeräumt, um Platz zu schaffen und den zentralen Verkauf für Österreich übernehmen zu können“, berichtet Ernst. Auf die Frage, wie sich das die #solidAHRitäts-Aktion in Österreich organisatorisch neben der Arbeit im eigenen Betrieb bewältigen lasse, meint Ernst: „Mit der Hilfe der Kolleginnen und Kollegen aus dem Blaufränkischland schaffen wir das schon.“  

Existenz verloren: Bis zu 50 Millionen Euro Schaden

Mehr als 65 Weinbauern an der Ahr sind durch die Flutkatastrophe massiv, Großteils sogar existenzgefährdend geschädigt worden. Zu ihnen gesellen sich rund 1.000 nebenberufliche Winzer, die ihre Trauben und Weine über eine Genossenschaft oder an Großabnehmer vermarkten. Viele der Winzer hatten ihr Haus und Betrieb verloren – damit auch Ihre Geräte und Maschinen, die jetzt zur Ernte der höher gelegenen und nicht zerstörten Weinberge gebraucht werden. Der Weinbauverband Ahr schätzt den Schaden, der alleine bei bereits fertigem und gelagertem Wein entstand, auf bis zu 50 Millionen Euro. Die Weinbau-Region Ahr zählt mit rund 350 Hektar, das entspricht in etwa zwei Drittel der Weibaufläche Wiens, zu den kleineren Weinbaugebieten in Deutschland. Sie ist vor allem für ihren Rotwein bekannt. In erster Linie Pinot Noir (Spätburgunder) sowie auch Frühburgunder und Blauer Portugieser werden hier angebaut. 
In Deutschland beteiligten sich nicht nur zahlreichen Freiwillige an #solidAHRität, um die unzähligen Flaschen aus- und umzupacken. Auch die deutsche Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sowie einige Mitglieder der Landesregierung von Rheinland-Pfalz halfen fleißig beim Zusammenstellen der Hilfspakete. „Was ich die letzten Tage erleben darf, ist irgendwie wie das ,Live Aid‘ der Weinwelt. Ich habe derartiges noch nie erlebt“, zieht Würtz auf seiner Homepage eine emotionale Zwischenbilanz.



Das könnte Sie auch interessieren