Forschung 01.10.2021, 10:00 Uhr

Künstliche Intelligenz: An diesen Ideen tüftelt Google gerade

Ein Chatbot, der wie ein Mensch spricht; eine App, die ein Lied erkennt, wenn es vorgesummt wird: Google experimentiert derzeit mit zahlreichen spielerischen KI-Features. Einige davon könnten für das Marketing interessant sein.
(Quelle: Pixabay)
Seit Jahren spielt Künstliche Intelligenz (KI) in der Forschung von Google eine Hauptrolle. In vielen Fällen geht es darum, Geschäftskunden enger an den Konzern zu binden. Über die Google Cloud werden Unternehmen verschiedene Möglichkeiten geboten, KI in ihre Geschäftsabläufe zu integrieren. Die Contact Center AI (Artificial Intelligence) bietet diverse Features für den Kundenservice, über die Document AI lassen sich Workflows optimieren.
Daneben arbeitet Google in unterschiedlichen Abteilungen an alltagstauglichen, aber auch vielerlei spielerischen Lösungen. Ihre Anwendungsfelder lassen sich manchmal auf den ersten Blick nicht erschließen. Aber einige davon könnten schon bald für das Onlinemarketing relevant werden. Wir stellen die KI-Ideen und Updates vor.

Live View navigiert durch die Shopping Mall

Quelle: Google
Google feilt intensiv an der Verbesserung von Maps. Rund 100 KI-gestützte Optimierungen sollen bis Ende des Jahres kommen. Eines dieser Updates könnte für das Marketing höchst relevant sein: die neue Funktion Live View für Innenräume. Dieses Feature ist für all die Menschen eine Hilfe, die im Inneren von Flughäfen, Shopping Malls oder Bahnhöfen gerne mal die Orientierung verlieren und in die falsche Richtung laufen. Mithilfe von Live View können sie exakt zum Ziel gelotst werden. Pfeile und Hinweise zeigen den Weg und navigieren den User. Möglich wird dies durch eine Technologie namens Global Localization. Diese nutzt Milliarden an Street-View-Aufnahmen und Erfahrungen von Usern, um die genaue Höhe und Platzierung von Objekten innerhalb eines Gebäudes zu bestimmen. 
Vorerst sind die Hinweise nur für Services vorgesehen. Aber natürlich ist denkbar, dass die Features schon bald von Werbungtreibenden genutzt werden und man sich so zum gewünschten Restaurant oder Shop leiten lassen könnte. Live View ist bereits in ausgewählten Einkaufszentren in Chicago, Los Angeles, San Francisco und Seattle verfügbar.

Chatbot Meena spricht wie ein Mensch

Moderne Conversational Agents (Chatbots) funktionieren normalerweise ganz gut, solange die Benutzer nicht zu weit von den erwarteten Fragen abweichen. Um in Gesprächen besser zu werden, verfolgt die Dialogforschung deshalb einen komplementären Ansatz. Dabei wird versucht wird, einen Chatbot zu entwickeln, der nicht spezialisiert ist, aber dennoch über alle möglichen Themen chatten kann. So ein Conversational Agent könnte zu vielen interessanten Anwendungen führen und im Service oder Marketing eine echte Unterstützung darstellen und keine verzweifelten Kunden hinterlassen.
Google hat mit der sprechenden Künstlichen Intelligenz "Meena" hier ein völlig neues Niveau erreicht. Mit dem Chat könne man so gut wie über alles sprechen, heißt es bei Google. Es geht also nicht mehr nur um Antworten auf sachliche Fragen. Sondern um richtige Konversation. Meena steuert das Gespräch aktiv. Für jeden Chatbot wurden Hunderte an Gesprächsrunden aufgezeichnet und die Sinnhaftigkeit der Antworten von Crowdworkern gekennzeichnet. Das Ergebnis: Meena sprich deutlich besser als andere hochentwickelte Chatbots.

Komplizierte Suchanfragen mit MUM

Dass die Google-Suche auf einfache Fragen antwortet, daran haben wir uns gewöhnt. Künftig findet Google aber auch Antworten, wenn die Frage deutlich komplizierter ist. Beispiel: "Ich habe schon den Mount Adams erklommen und möchte im nächsten Herbst den Fuji besteigen. Was soll ich diesmal anders machen, um mich vorzubereiten?“ Heutzutage würde eine solche Anfrage Suchmaschinen noch überfordern. "In Zukunft aber kann MUM solch komplizierten Fragen möglicherweise verstehen und passende Antworten geben und auf relevante Seiten verweisen. Wir haben bereits interne Pilotprojekte mit MUM gestartet und sind gespannt auf das Potenzial zur Verbesserung der Google-Produkte“, schreibt Prabhakar Raghavan, Senior Vice President, Search & Assistant, Geo, Ads, Commerce, Payments & NBU, in einem Blogbeitrag.
MUM steht für "Multitask Unified Model-Technologie“, die als Meilenstein im Bereich der KI-Entwicklung gilt. MUM sei 1-000 Mal leistungsfähiger als das, was wir bisher kennen und sei zudem Multitasking-fähig.

Google Lens: Übersetzung im Smartphone

Mit Google Lens lassen sich Texte übersetzen, Wörter nachschlagen, Termine zum Kalender hinzufügen. Es schlägt auch passende Outfits vor, ohne dass man sie lange beschreiben müsste. Nicht zuletzt hilft Google Lens bei Hausaufgaben, in dem man die Aufgabe vor das Smartphone hält und auf weiterführende Seiten geleitet wird. Immer mehr SchülerInnen nutzen Lens auch, um Inhalte in fremden Sprachen leichter zu verstehen und zu lernen. "Deshalb haben wir die Übersetzungsfunktion in Lens verbessert. Damit kann übersetzter Text ganz einfach kopiert, durchsucht und vorgelesen werden. So erhalten Lernende Zugriff auf Bildungsinhalte in über 100 Sprachen“, so Raghavan.
Mittlerweile gibt es jeden Monat mehr als drei Milliarden Suchanfragen weltweit. Für den stationären Handel bedeutet das: Man könnte Kunden aus dem Ausland beispielsweise darauf hinweisen, bestimmte Produktinfos über Google Lens auf ihrem Smartphone in ihrer eigenen Sprache lesen zu können.

BERT-KI verbessert Google Assistant

Für den Google Assistant wurden kürzlich zahlreiche neue Features angekündigt. Ein zentrales Element ist dabei das bessere Sprachverständnis durch KI. Der Assistant soll künftig Aussagen auch interpretieren und Namen besser verstehen können. Dazu können die User die Sprach-KI trainieren, in dem sie die Namen aus ihren Kontakten buchstabieren und aussprechen. Dadurch sollen sich künftig auch versehentliche Anrufe vermeiden lassen. Diese Funktion wird vorerst nur auf Englisch verfügbar sein, weitere Sprachen sollen folgen.
Ein anderes Update soll dafür sorgen, dass Google Assistant Zusammenhänge besser versteht. Um was es dabei gehen könnte, wird in einem YouTube-Video gezeigt. Gab der User bislang hintereinander zwei Zeiten an, um sich erinnern zu lassen, wurde er beispielsweise gefragt: "Es sieht aus, als hättest du zwei Timer. Welchen soll ich beenden?“ Künftig soll der Assistant sofort verstehen, welcher der Sprachbefehle der richtige war.

Google-KI macht aus Gemälden Musik

Quelle: Google
Das neue Google-Tool "Play a Kandinsky" macht aus Gemälden Musik. Vorbild dieses KI-Tools ist berühmte russische Maler Wassily Kandinsky, für den Farben hörbar und Musikstücke sichtbar waren. Play a Kandinsky ist in Zusammenarbeit zwischen Google und dem Pariser Centre Pompidou entstanden. Die Entwickler haben das System durch Machine Learning trainiert. Die KI hat sowohl die Werke von Kandinsky als auch die Musik aus seiner Schaffenszeit kennengelernt. Außerdem weiß der Algorithmus, welche Klänge, Instrumente und Emotionen der russische Meister mit bestimmten Farben in Verbindung brachte.
Anwendung fürs Marketing? Im Moment keine. Doch solche Experimente zeigen, mit welchen unterhaltsamen und spielerischen Elementen Werbekampagnen schon bald angereichert werden könnten.

Hum to search

Quelle: Google
Google erkennt mit dem Feature "Hum to Search" einen Song, wenn der User in sein Smartphone summt. Nutzer können über den Google Assistant in ihre Handy singen oder summen. Wenn sie zehn bis 15 Sekunden lang die Melodie bringen, kann Google ihnen per Künstlicher Intelligenz den Titel und den Künstler nennen und zum Beispiel auf Dienste wie Spotify weiterleiten.
Das neue Google-Feature soll zeigen, wie viel Potenzial in der Stimmerkennung durch Künstliche Intelligenz steckt. Künftig wird es für Sprachassistenten immer wichtiger werden, Stimmen in Text umzuwandeln oder aus einem Text vorzulesen. Anwender müssen beim Summen keine perfekte Leistung liefern. Google schlägt bei Unklarheiten mehrere mögliche Songs vor. Dafür verwendet "Hum to Search" Machine Learning. Der Algorithmus hat mit der Melodie von populären Songs deren DNA gelernt. Dieses Merkmal kann das System beim Summen der User wieder erkennen und mit dem Original vergleichen. Das Feature ist bislang nur auf englisch verfügbar. Denkbarer Marketing-Einsatz: Gewinnspiele.

Helmut van Rinsum
Autor(in) Helmut van Rinsum



Das könnte Sie auch interessieren