"Kopflose" Shops 12.03.2019, 10:00 Uhr

Was sich hinter "Headless Commerce" verbirgt

Bei Shopsystemen geht der Trend zu sogenannten Headless-Lösungen. Der Vorteil: Der "kopflose" Shop kann je nach Kanal ganz unterschiedliche Gesichter haben.
(Quelle: shutterstock.com/Sergey Nivens )
Wenn Shopsoftware-Hersteller einen Blick auf die IT-Landschaft der ­Zukunft werfen, taucht immer häufiger der Begriff "Headless Commerce" oder "Headless Shop" auf. Dahinter verbirgt sich eine neue Architektur der IT-Systeme, mit der Shops flexibler und schneller an neue Entwicklungen anpassbar und damit zukunftssicherer werden sollen.
Klassische Shopsysteme verfügen über ein Backend und ein Frontend. Das ­Backend ist der Systemteil, der im Hintergrund die für den Betrieb einer Website oder eines Shops nötige technische Infrastruktur bereitstellt. Dazu gehören Server, Datenbanken und Software zur Prozesssteuerung, wie etwa die Auftragsabwicklung. Das Frontend ist das, womit der ­Besucher eines Shops interagiert, also das im Web nutzbare Gesicht des Shops.

Backend und Frontend sind strikt getrennt

Bei einer Headless-Architektur sind ­Backend und Frontend eines Shopsystems strikt voneinander getrennt. "Das komplette Shop-Frontend ist lediglich über Schnittstellen an das Shopsystem angebunden. Einfach gesprochen: Das, was der Kunde sieht, kommt nicht aus dem Shopsystem, sondern aus einem offenen Frontend-System", erklärt Niels Anhalt, Geschäftsbereichsleiter Digital Products und Services bei der Agentur Nexum. Der ­große Vorteil: Die getrennten Systemteile können unabhängig voneinander verändert und weiterentwickelt werden.
Ein Beispiel: Wird die Produktdarstellung im Frontend optimiert, bleiben die Prozesse im Backend davon völlig unberührt. Dadurch können technologische Neuerungen modular, also auch flexibler und schneller, umgesetzt werden. Das System sei "wie zwei Legosteine, die nur über die Noppen, nämlich die API-Schnitt­stelle, miteinander verbunden sind, dabei aber auch als einzelne Elemente funktionieren", so Anhalt.

Ein Backend - mehrere Frontends

Das hat den zweiten großen Vorteil, dass an ein Backend-System verschiedene Frontend-­Systeme gleichzeitig angeschlossen werden können. "Mit einer Headless-Shopsoftware-Architektur sind Händler auch auf weitere Zukunftstrends im E-Commerce vorbereitet", sagt Thomas Gottheil, Mitgründer und Geschäftsführer des Shop-Frontend-Anbieters Frontastic. Zu diesen Trends gehören Anwendungen für Sprachassistenten, aber auch die Anbindung von Shop-Funktionen an einen Kühlschrank, einen Dash-Button oder auch den Bordcomputer im Auto. Technologische Weiterentwicklungen aus Bereichen wie Voice Commerce, Internet of Things, Connected Cars oder auch digitaler POS sollen damit sehr viel leichter umsetzbar sein. 

Als Frontend dienen Javascript-Programme

Als Shop-Frontend kommen dabei häufig Javascript-Programme zum Einsatz, die auf Javascript-Frameworks wie "Angular" oder "React" beruhen. Diese Programme werden nicht auf dem Server des Shop-­Betreibers ausgeführt, der eine komplett gebaute Website an den Browser ausliefern würde, sondern direkt im Browser. Das sorgt zum einen für eine je nach Endgerät optimierte Darstellung, zum anderem für außerordentlich schnelle Ladezeiten.
Ein solches Javascript-Programm ist beispielsweise eine Progressive Web App (PWA). Sie ergänzt eine Website um die Vorzüge einer nativen App. So sind die PWAs voll Mobile-tauglich - und das auch offline und ohne Installation auf dem Smartphone. Zudem lassen sie sich wie ­eine App auf dem Home-Bildschirm verankern, ermöglichen Push-Benachrichtigungen und den Zugriff auf Smartphone-Features wie etwa die Kamera.
Die Entwicklung von PWAs steht zwar noch am Anfang, vor allem weil noch nicht sämtliche Browser-Varianten alle Funktionalitäten ermöglichen. Dennoch werden PWAs von Marktbeobachtern als die Technologie gehandelt, die responsive Websites und native Apps langsam, aber sicher ablösen wird.

Weitere Systeme werden künftig headless

Ausgangspunkt von Headless-Lösungen waren vor etwa zwei Jahren Content-­Management-Systeme. Dort sind entsprechende Ansätze entstanden, weil es zunehmend nötig war, Inhalte nicht nur vor­formatiert über Webseiten auszugeben, sondern eben auch mobil, in Apps oder in Social Media. Mit der Ausweitung des Handels auf unterschiedliche Verkaufskanäle wird der Ansatz nun auch für den ­E-Commerce und Omnichannel-Handel relevant. Und es ist zu erwarten, dass dieser Trend sich auch auf andere Bereiche ausdehnen wird. "Ich gehe davon aus, dass künftig jedes System, das am Markt bestehen will, den Headless-Ansatz unterstützen muss", sagt Nexum-Manager Anhalt. Das gilt beispielsweise für Customer-Relationship-Management-Systeme.
­Allerdings erfordert eine solche Software-Architektur Know-how: "Wer einen Headless Shop plant, braucht unbedingt eine ­eigene IT-Abteilung im Haus", ist Frederik Thomas überzeugt. Er ist der IT-Verantwortliche der Schweizer Shops Interdiscount.ch und Microspot.ch und hat beide Shops auf Headless umgestellt. Knapp 20 Java-Entwickler hat er dafür in seiner Abteilung. Nur so lassen sich seiner Meinung nach die Chancen zur schnellen Umsetzung neuer Features so richtig nutzen.

Schnittstellen sind eine große Herausforderung

Eine der großen Herausforderungen der Headless-Architektur sind die Schnittstellen. "Wenn die nicht sauber funktionieren, geht gar nichts", so Thomas. Außerdem müsse vorab klar definiert werden, welche Funktionen dem Backend und welche dem Frontend zugeordnet werden. Und auch das Testing sei aufwendiger.
Thomas ist sehr zufrieden mit dem ­neuen Ansatz - auch wenn der Umbau noch nicht abgeschlossen ist: Das Backend soll noch auf Basis der Shopsoftware Hybris durch eine Eigenentwicklung ersetzt werden, und er denkt auch über ein Headless CMS und die Entwicklung einer PWA nach.

Christiane Fröhlich
Autor(in) Christiane Fröhlich


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