Thomas Prantner, ORF 04.03.2021, 08:00 Uhr

„Großprojekt im Streaming-Bereich in 2021 wird Projekt ORF-Timeshift 24/4 sein.“

Thomas Prantner, stellvertretender ORF-Direktor für Technik, Online und neue Medien, kündigt im Interview für heuer Neuerungen im Zusammenhang mit der ORF-TVthek an und zieht Bilanz für 2020 und den Jänner 2021.
Thomas Prantner, stv. ORF-Direktor für Technik, Online & neue Medien: „Wer sich auf seinen Erfolgen ausruht, der wird bald keine mehr haben – das gilt für alle Branchen, vielleicht aber ganz besonders stark für die digitale Welt.“
(Quelle: ORF/Hans Leitner)
Die Bilanz für die ORF-TVthek war im vergangenen Jahr hervorragend, sogar rekordverdächtig. Ist das hauptsächlich der Corona-Berichterstattung geschuldet oder gibt es Ihrer Meinung nach auch andere Gründe?
Thomas Prantner: 2020 war mit durchschnittlich 12 Millionen Visits pro Monat tatsächlich das erfolgreichste Jahr für die ORF-TVthek seit ihrer Gründung 2009. Diese Rekordzahlen sind auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Hauptausschlaggebend war die sehr hohe Nachfrage nach News-Bewegtbild über die Corona-Pandemie, dazu kamen politische Großereignisse, wie die US-Präsidentschaftswahlen, die Landtagswahlen in Wien und die Berichterstattung über den Terroranschlag in Wien. Die ORF-TVthek konnte sich als größte Videoplattform Österreichs und – gerade in Krisenzeiten – als unverzichtbares Informationsmedium und Ergänzung zum linearen TV behaupten. Eine wichtige Rolle spielen auch Live-Streams von Pressekonferenzen, Statements, Reden etc. im Rahmen von „Live Spezial“ in Zusammenarbeit mit der APA – 2020 waren es mehr als 400 allein zum Thema Corona. Video-Themenschwerpunkte mit Serviceinfos oder auch eine eigens konzipierte Seite zum Lockdown-Schülerprogramm „ORF 1 Freistunde“ waren weitere gut genutzte Angebote. Einen ganz entscheidenden Anteil an diesem Erfolg hat das starke ORF-TVthek-Team in Redaktion, Technik, Business Development und Marketing, das großartige Arbeit leistet.
 
Wie sieht die konkrete Nutzung der ORF-TVthek im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019 aus?
Prantner: Die ORF-TVthek-Visits beliefen sich 2020 im Monatsschnitt auf 12 Millionen – was eine Steigerung um 45 Prozent gegenüber 2019 bedeutet. All-Time-High-Rekordmonat war der März 2020 mit 19,9 Millionen Visits. Zum Vergleich: Vor Beginn der Corona-Krise lag der Rekord bei 12,3 Millionen, und zwar im Fußball-WM-Monat Juni 2018.
 
Wenn Sie sich die Jänner-Zahlen anschauen, geht die Erfolgsstory der ORF-TVthek 2021 weiter?
Prantner: Die Jänner-Werte geben Hoffnung, dass wir den Erfolgsweg der ORF-TVthek auch 2021 fortsetzen können. Da liegen wir mit 16,2 Millionen Visits bereits weit über dem Vergleichswert des Vorjahres. Klar ist, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Quoten im linearen Fernsehen und der TVthek-Nutzung gibt – wie etwa an den großen Ski-Übertragungen von Kitzbühel bis Schladming ebenso wie bei TV-Hits wie „Vorstadtweiber“ zu sehen ist. Das gilt für Live-Streams genauso wie für die Video-on-Demand-Zugriffe. 2021 kommen ja noch starke TV-Events, wie „Starmania 21“, die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele – sofern die Covid-19-Lage es zulässt.
 
Haben sich eigentlich die technischen Rahmenbedingungen der ORF-TVthek im vergangenen Jahr geändert?
Prantner: Zunächst: Die rechtlichen Rahmenbedingungen haben sich bedauerlicherweise noch nicht geändert. Alle erwarten sehnsüchtig das Ende der 7-Days-Catch-Up-Regel oder das gesetzliche OK zu international üblichen State-of-the-art-Angeboten wie „Online first“ oder „Online only“. Eine rasche Anpassung der gesetzlichen Bestimmungen ist eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung der ORF-Player-Strategie und damit der Digitalisierungsoffensive des ORF. Ich bin ganz sicher, dass das allen Entscheidungsträgern bewusst ist. Technisch sind die Herausforderungen stark gewachsen, da wir die technische Infrastruktur permanent an die steigenden Zugriffe anpassen und optimieren müssen. Das geschieht laufend und daher gab und gibt es bezüglich der technischen Performance trotz extrem hoher Nutzung kaum größere Probleme. An der Beseitigung der noch vorhandenen Schwachstellen arbeiten die Techniker mit Hochdruck. 
 
Welche Programmelemente waren mit Abstand die erfolgreichsten in der ORF-TVthek im Jahr 2020?
Prantner: Sowohl bei den Live-Streams als auch den Video-on-Demand-Abrufen dominierten 2020 Sendungen zur Corona-Pandemie und dem Terroranschlag in Wien. Aber auch Ski-Weltcup-Übertragungen bei den Live-Streams, sowie Dokumentationen und Unterhaltungsformate bei Video-on-Demand sind auf den Hitlisten zu finden. Der meist abgerufene Live-Stream 2020 war das „ZIB Spezial“ zum Terroranschlag in Wien vom 2. November 2020. Bei den Video-on-Demands war die Langfassung des Interviews mit dem deutschen Virologen Christian Drosten (24. April 2020) bei Weitem am stärksten nachgefragt. Und das Top- „Live Spezial“-Angebot 2020 war die Pressekonferenz der Bundesregierung zu Beginn des Lockdowns 1 „Weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus“ am 13. März 2020.
 
Was bedeutet dieses durchwegs positive Resümee des ORF-Online-Angebots nun für die strategische Planung?
Prantner: Wer sich auf seinen Erfolgen ausruht, der wird bald keine mehr haben – das gilt für alle Branchen, vielleicht aber ganz besonders stark für die digitale Welt. Wir arbeiten derzeit intensiv daran, die ORF-TVthek weiter zu entwickeln und noch attraktiver für ihre 1,5 Millionen User pro Monat zu machen. So wird die ORF-TVthek voraussichtlich noch im ersten Quartal auf einer weiteren großen medialen Plattform als App verfügbar sein – konkret ist eine Content Syndication-Kooperation mit einem privaten TV-Anbieter geplant. Darüber hinaus bauen wir unter dem Titel „History“ die – speziell für die Nutzung durch Schülern aufbereiteten – zeit- und kulturhistorischen Videoarchive aus. Sie sind – gerade in Home Schooling-Zeiten – ein wichtiger Beitrag zur Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrages im Bereich Online und neue Medien. Das zentrale Großprojekt im Streaming-Bereich im Jahr 2021 wird das Projekt ORF-Timeshift 24/4 sein – also die Bereitstellung von 24-Stunden-Live-Streams aller vier ORF-TV-Programme inklusive einer Timeshift-Funktion. Dieses Service wird ein ganz wichtiges Modul im neuen ORF-Player sein.



Das könnte Sie auch interessieren